Krzysztof Komeda: Meine süße europäische Heimat – Dichtung und Jazz aus Polen (2012)

Krzysztof Komeda – Klaviermeine-susse-Komeda
Tomasz Stańko – Trompete
Zbigniew Namysłowski – Alt-Saxofon
Roman Dyląg – Bass
Rune Carlsson – Schlagzeug

Helmut Lohner – Sprecher
Krzysztof Komeda – sämtl. Kompositionen
Karl Dedecius – Übersetzung

 

 

 

Was für ein Album, was für ein wunderbares Werk – wie beispielhaft und dennoch unbekannt! Natürlich ist das Zielpublikum aufgrund der Sprache ziemlich einschränkt, aber allein die Stimme der Sprechers sollte auch diejenigen berühren, die nicht die Bedeutung aller Worte verstehen. Und die Worte wurden gut gewählt – hier finden sich Gedichte von den besten Dichtern Polens vom Ende des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem internationalen Publikum am besten bekannt sind sicherlich Wisława Szymborska und Czesław Miłosz, die beide erst Jahre später den Nobelpreis für Literatur erhielten.

Ein interessanter Aspekt der Aufnahmeauswahl ist, dass nicht ein Gedicht = ein Song gilt, sondern dass einige Tracks verschiedene Gedichte von unterschiedlichen Autoren vereinigen. Man kann dies beim Hören kaum erkennen, da sie thematisch zusammenhängen – die meisten befassen sich mit dem Krieg und der Generation, die in dieser Zeit ihre Jugend verlor. Einige gehen dabei auch recht kritisch mit der politischen Situation in Polen in den 50er und 60er Jahren um. Vermutlich ist dies ein Grund, warum dieses Album in der BRD aufgezeichnet werden musste (die Aufnahme fand beim SWR in Baden Baden im Mai 1967 statt).

Der Rezitator Helmut Lohner trifft den Kern eines jeden Gedichts mit messerscharfer Präzision. Seine Stimme klingt für uns wie ein typischer Erzähler seiner Zeit – sehr eindringliches, manchmal agitierend -, aber genau so sind die Gedichte. Und wo es notwendig ist, bringt er so viel Wärme hinein, dass man weinen möchte. Diese Wirkung wird noch durch die Musik-Begleitung verstärkt, die nie nur im Hintergrund mit läuft, aber auch nie versucht, die Rezitation zu übertönen.

Und was kann man über diese Musik sagen – man wird nicht viele Komponisten finden, die in der Lage sind, so nahe an die zugrunde liegende Bedeutung zu kommen, wie Krzysztof Komeda! Er hat dies natürlich schon in so vielen Filmen bewiesen, dass der Produzent dieses Albums, Joachim-Ernst Berendt (der eine sehr wichtige Figur für die Jazzszene im Nachkriegsdeutschland war) einfach keine andere Wahl für dieses Projekt hatte. Aber auch er war von Komedas Engagement erstaunt. In einem Interview mit Paweł Brodowski [Jazz Forum 3/2000] sagte er:

„Komeda war ein sehr netter Mann. Wie viel Zeit und wie viel Mühe, Engagement und Einfühlungsvermögen er bei den Arbeiten an ‚Jazz und Lyrik‘ aufbrachte! Ich sammelte die Texte auf Deutsch und er nahm sie sich mit und ging in die Nationalbibliothek in Warschau. Er wollte die Originaltexte genau verstehen, bevor er begann, die Musik zu schreiben.“

Man kann dies an jedem einzelnen Stück hören, gibt es nicht einen Song, bei dem man den Eindruck gewinnen könnte, dass Komeda nicht wusste, wie man den jeweiligen Text illustrieren müsste. Das war eine seiner großen Stärken. Roman Polański hat einmal über Krzysztof Komeda gesagt, dass seine Musik cool und modern war, aber mit einem menschlichen Herzen. Und dass die eigenen Filme wertlos wären ohne seine Musik. Natürlich gilt dies nicht für die Gedichte – sie funktionieren auch für sich selbst sehr gut, aber die Rezitationen auf diesen Aufnahmen gewinnen eine Menge durch die Musik.

Ich denke es ist unnötig, etwas über die Musiker sagen – sie sind hinlänglich bekannt: Tomasz Stańko, Zbigniew Namysłowski, Roman Dyląg und Rune Carlsson sind die idealen Vehikel für den Transport von Komedas Ideen auf die Platte. Nicht umsonst wurden sie auch als das Komeda Quartet bezeichnet und gehören zweifellos zu den einflussreichsten Musikern in Polen – man kann auf diesem Album hören, warum das auch gerechtfertigt ist.

Dieses Album ist ein Muss für jeden, der sich für polnische Dichtung und/oder den polnischen Jazz interessiert. Wer dazu auch noch Deutsch versteht, hat es sicherlich einfacher, aber es ist natürlich immer noch möglich, sich Übersetzung in eine beliebige Sprache zu beschaffen und selbst zu beurteilen, wie großartig die Interpretationen sind.

Es ist schön, dass diese tollen Aufnahmen nun wieder auf CD erhältlich sind! Und auch die etwas schräge Verwendung der deutschen Sprache auf dem Cover ist sicherlich vertretbar …

 

Titel:

01. The Trumpet Player Is Innocent (1:39)
Wisława Szymborska „Den Freunden“
Antoni Marianowicz „Berliner Skizzen“

02. Dirge for Europe (3:18)
Czesław Miłosz „Erde“
Antoni Marianowicz „Die Lage“
Kazimierz Wierzyński „Asche“
Krzysztof Kamil Baczyński „Miserere“

03. Miserere (3:50)
Zygmunt Ławrynowicz „Trauriges Wissen“
Tadeusz Różewicz „Laßt uns“
Wisława Szymborska „Kleine Anzeige“

04. Choral (3:12)
Józef Wittlin „Litanei“

05. Hameln Is Everywhere (1:31)
Władysław Sebyła „Bekanntmachung“

06. Prayer and Question (3:29)
Józef Czechowicz „Trauergebet“
Józef Wittlin „Nicht Neues“

07. Canzone for Warschau (4:36)
Czesław Miłosz „Nach der Katastrophe – Warschau 1943“

08. No Lovesong at All (2:44)
Kazimierz Przerwa Tetmajer „Ich such Dich“
Maria Jasnorzewska-Pawlikowska „Liebe“

09. Theme for One and Variations for Another World (8:02)
Zbigniew Bieńkowski „In Deinem Namen“
Zbigniew Herbert „Gärten züchten“ aus „Die Klapper“

10. Free Witch and No-bra Queen (4:31)
Kazimiera Iłłakowiczówna „Die Hexe“
Stanisław Grochowiak „Busen der Königin“
Konstanty Ildefons Gałczyński „Mit Instrumenten schlendern“

11. Komeda im Zirkus Ważyk (1:23)
Adam Ważyk „Am Anfang dressierte man Pferde“

12. Sketches for Don Quichotte (2:22)
Stanisław Grochowiak „Ritterballade“

13. Waltzing Beyond (2:41)
Czesław Miłosz „Lied vom Weltende“

Bonusstücke (nicht auf der Original-LP, aufgenommen in einem Studio des polnischen Radios im Herbst 1967):
14. After Disaster (7:11)
15. Don Quichotte (11:04)
16. The Witch (6:54)
17. Ballad for Bernt (3:03)

 

Nicht sehr langes, aber repräsentatives Beispiel:

 

Dieser Beitrag von mir wurde ursprünglich am 12.12.2012 auf Englisch im Polish Jazz Blog (siehe http://polish-jazz.blogspot.de/2012/12/krzysztof-komeda-meine-susse.html) veröffentlicht.

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